Lahnstein – Zum 100. Todestag von Anton Lessing erinnert das Archiv der Stadt Lahnstein an den erfolgreichen Unternehmer

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Das Denkmal für Anton Lessing in Vyksa/Russland welches 2006 errichtet wurde. (Foto: Stadtarchiv Lahnstein)

Lahnstein – Anton Lessing, am 21. Mai 1840 als Sohn eines Maurermeisters im fränkischen Mühlhausen geboren, absolvierte nach dem Besuch der „Werktagsschule“, eine Lehre als Kaufmann in Ansbach und reiste nach seinem Militärdienst im Jahr 1858 über Stettin nach St. Petersburg. Dort erkannte er sehr schnell neue Geschäftsmöglichkeiten, von denen er einem Freund in Birmingham berichtete. Dieser war Teilhaber der Exportfirma Lindner & Co., die Anton Lessing als freien Reisenden für Finnland und St. Petersburg einstellte.

Im Zuge der Lieferungen von englischem Eisen, das damals den Weltmarkt beherrschte, lernte er die Ingenieure Amand und Gustav Struve kennen. Als sie Ende der 1860er Jahre die berühmten Brücken über den Dnepr bei Kiew und über die Oka bei Kolomna bauten, besorgte Anton Lessing das Eisen aus England und kümmerte sich erfolgreich um die Finanzierung der beiden Großbauten. Gemeinsam gründeten sie eine Maschinenfabrik in Kolomna im Verwaltungsbezirk Moskau, die heute noch besteht. Die Produktion umfasste Brücken-, Lokomotiv-, Waggon- und Schiffsbau.

Um sich das Eisen für sein Werk in Kolomna zu sichern, kaufte Anton Lessing 1882 das heruntergekommene Eisenwerk im 300 km östlich von Kolomna gelegenen Vyksa im Verwaltungsbezirk Nischni Nowgorod. Durch seine geschickte Geschäftsführung wurde dort bald wieder gewinnbringend Eisenerz abgebaut und verhüttet. Hierfür und für die Verarbeitung des gewonnenen Eisens wurden viele Arbeitskräfte benötigt, was die Umsiedelung der Bevölkerung als Leibeigene nach Sibirien verhinderte. Auf den durch den Erzabbau entstanden Brachflächen ließ Anton Lessing Bäume anpflanzen; dieser Wald ist bis heute erhalten.

Aufgrund des Erfolgs beschäftigte Anton Lessing bald über 5.000 Mitarbeiter in seinen Fabriken. Seine leitenden Mitarbeiter holte Lessing aus der Heimat, u.a. auch die Oberlahnsteiner Ingenieure Erich Schweter und Felix Meineke, die zu den führenden Konstrukteuren wurden.

In Kolomna und Vyksa erinnert man sich heute wieder gerne an die früheren Besitzer und Förderer der Fabriken als wichtige Arbeitgeber. Insbesondere schätzte man das soziale Engagement der Ingenieure Struve und des Kaufmanns Lessing. So gründeten sie eine Gesellschaft, die die Arbeiter durch größere Essensrationen unterstützten, sie ließen Geburtshäuser bauen, stellten Ärzte ein und organisierten Abholdienste für die Arbeiter. Aus privaten Mitteln ließ Anton Lessing ein Kulturhaus in Kolomna bauen; er engagierte bekannte Schauspieler und förderte Theaterautoren. Das Kulturhaus und die unter Anton Lessing 1863 erbaute Werkshalle stehen heute noch in Kolomna. In Vyksa wurde zu Ehren von Anton Lessing im Jahr 2006 ein Denkmal aufgestellt (s. Foto).

In St. Petersburg war Anton Lessing mit dem Chefredakteur des „Journal de St. Petersbourg“, Anton Horn, befreundet. Als der Herausgeber, der Belgier Kappelmans, 1871 starb, kümmerte sich Anton Lessing um die Witwe Lydia geb. de Cuyper und heiratete sie 1872 in Frankfurt. Das Ehepaar suchte einen Wohnsitz in Deutschland. Der Rhein hatte damals eine große Anziehungskraft für die russische Gesellschaft – und so kam der Kauf der Villa Lahneck zustande. Die Eheleute Lessing lebten mit ihren acht Kindern in der „Villa Lessing“ bis zu ihrem Tod in den Jahren 1904 und 1915.

Durch seine Weltoffenheit und sein geselliges Wesen fand der königlich-preußische und kaiserlich-russische Kommerzienrat schnell Kontakt zu der Bevölkerung.

Er liebte die Jagd im Lahnsteiner Stadtwald, spendete den Mitgliedern des Koblenzer Wandervereins anlässlich seines Geburtstages alljährlich ein Spargelessen, unterstützte die Gesangsvereine in Oberlahnstein und als Mitglied des Lahnsteiner Altertumsverein in Oberlahnstein etliche archäologische Grabungen von Dr. Robert Bodewig.

Bei allem Reichtum vergaß er nie die Nöte der Armen und Bedürftigen der Stadt. Anlässlich seiner Silberhochzeit im Jahr 1897 überreichte er dem Bürgermeister Karl Eduard Reusch 5.000 Mark. Davon hatte dieser je 1.000 Mark dem evangelischen und katholischen Gesellenverein weiterzuleiten, die restlichen 3.000 Mark sollte er in Einvernehmen mit dem Magistrat für soziale Zwecke verwenden. Der Betrag wurde größtenteils in bar an arme Bürger ausgezahlt. Außerdem erhielten 33 Bürger insgesamt 33 Pfund Kaffee, 27 Pfund Speck und 64 Brote. Auch die „Bewahrschule“ (Kindergarten) wurde mit einer Spende bedacht.

Aus Anlass seines 70. Geburtstags schenkte Anton Lessing der Stadt Oberlahnstein die Forstmühle mitsamt den auf Oberlahnsteiner Gebiet gelegenen Grundstücken.

Als im Frühjahr 1915 sein Sohn Friedrich, der als Offizier an der Westfront kämpfte, schwer verwundet wurde, machte sich Anton Lessing auf die Reise zu ihm und setzte zuvor sein Testament auf. Er vermachte der Stadt Oberlahnstein ein Legat von 10.000 Mark für den Ausbau des Oberheckerweges, 10.000 Mark für das neue Altertumsmuseum zu Händen Bodewigs und der Stadt Wertpapiere im Wert von 5.000 Mark, um den Zinsertrag (200 Mark p.a.) alljährlich unter die Armen zu verteilen. Kurz nach seiner Rückkehr von der Westfront erlag Anton Lessing am 3. April 1915 einem Schlaganfall. Das Erbe wurde gemäß seinem Testament verteilt. Für das Legat für den Ausbau des Oberheckerweges und die Hälfte des Legats für das Altertumsmuseum zeichnete der Magistrat Kriegsanleihen, für die es aber nach 1918 (Ende des Ersten Weltkriegs) keine Erstattung gab.

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Text: Stadt Lahnstein

 

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